Warum es zur Massenvernichtungspolitik der Nazis gegen die in Europa lebenden Juden kam

Referat auf der Diskussionsveranstaltung der DKP Oldenburg anlässlich der Reichspogromnacht

Anlässlich des Gedenkens an die Reichsprogromnacht findet in Oldenburg traditionell ein Erinnerungsgang statt. Diese Gedenkdemonstration geht den Weg der damaligen verhafteten jüdischen Bürger vom Polizeigefängnis -der heutigen Landesbibliothek – zum Gerichtsgefängnis. In diesem Jahr beteiligten sich ca. 2000 Menschen an dem Gedenkmarsch.

Aus dem Anlass und um ein marxistisches Verständnis von Antisemitismus und des Holocaust zu fördern, lud die DKP Jürgen Lloyd, Lehrer an der Karl-Liebknecht-Schule in Leverkusen ein. Wir veröffentlichen hier sein gehaltenes Referat.

»Was bedeutet der Holocaust für unser Verständnis vom Faschismus?«

Jürgen Lloyd, Referat, DKP Oldenburg, 03.11.2016

Warum beschäftigen wir uns mit der Vernichtungspolitik der Nazis? Reicht es nicht, dass wir uns doch sehr weitgehend darin einig sind, dass der Holocaust, also das, was wir u.a. mit Auschwitz verbinden, ein schreckliches Verbrechen war? Die, die das nicht so sehen, die die faschistische Vernichtungspolitik verharmlosen wollen, oder ihr gar etwas Gutes abgewinnen wollen, an die richtet sich unsere Beschäftigung ja nicht – die erreichen wir damit auch nicht. Warum also beschäftigen wir uns damit?

Als Deutschland zum ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg und nach der Befreiung vom Faschismus wieder die Bevölkerung dazu mobilisierte, einen Angriffskrieg zu führen, einen völkerrechtswidrigen zumal, da wurde dieser mit dem Slogan „Nie wieder Auschwitz“ rechtfertigt. Das war 1999 und es war der rot-grüne Außenminister Joseph Fischer, der damit für die Bombardierung Jugoslawiens auch durch deutsches Militär warb. Mit einem anscheinend antifaschistischen Motiv konnte also ein imperialistischer Angriffskrieg propagiert werden. Da sollten wir fragen, wie das passieren kann.

Fischer hat den vom Schwur von Buchenwald bekannten Zusammenhang von „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Faschismus“ ignoriert. Das konnte er, indem er auf „Auschwitz“ verwies und daran anknüpfte, dass es bei uns Allgemeingut ist, dass „Auschwitz“ etwas so Schreckliches ist, dass wir nicht mehr genauer hinsehen müssen, was sich denn im Holocaust und der Vernichtungspolitik der Nazis seinen Ausdruck schaffte.

Als Marxisten verstehen wir die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen. Wenn wir aber darauf verzichten, danach zu fragen, welche Klasseninteressen in der Vernichtungspolitik der Nazis zum Ausdruck gekommen sind, dann erscheint diese Politik nur noch als Ausdruck des „Bösen“ schlechthin. Und das ist dann genauso „schlechthin“ zu verhindern. Wenn wir darauf verzichten, die Ursachen zu verstehen – können wir auch jedes Mittel als gerechtfertigt – aber auch als zweckmäßig und sinnvoll ausgeben im Kampf dagegen. Dann können wir auch einen imperialistischen, völkerrechtswidrigen Angriffskrieg mit „Nie wieder Auschwitz“ legitimieren. (und nebenbei bleibt unser Antifaschismus auch noch ohnmächtig: Dann als Kampf gegen das Böse schlechthin verhindern wir auch keinen Faschismus!)

Daraus folgere ich: Ein genaues Verständnis davon, worum es sich bei Antisemitismus und bei der Vernichtungspolitik der Nazis handelt, ist für uns nicht einfach eine akademische Übung – sondern es ist ein unmittelbar praktisches politisches Bedürfnis.

Zielsetzung
Ich möchte in diesem Referat auf zweierlei hinaus: Zum einen will ich gemäß des Referat-Titels versuchen darzustellen, ob und wie der Holocaust, d.h. die Vernichtungspolitik der Nazis gegen die europäischen Juden, auf Gründe zurückzuführen ist, die für uns erkennbar und beschreibbar sind, oder ob er – wie es landauf und landab das herrschende Geschichtsbild uns nahelegt – etwas „Unfassbares“, „Unerklärliches“ war. Und zum zweiten möchte ich – sozusagen als Nebenstrang – zeigen, wie und warum marxistisches Geschichtsverständnis dabei nützlich ist.

Antisemitismus
Der Antisemitismus ist etwas Altes. Spätestens seit der Zeit der Kreuzzüge kam es in Europa zu Judenverfolgungen. Sie waren motiviert durch religiös aufgeladene Hetze gegen die Juden mit ihren fremdartigen Bräuchen. Ihnen wurde vorgeworfen, durch ihr unchristliches Leben den Zorn Gottes und seine Bestrafung über das Land, das solche Juden unter sich duldet heraufzubeschwören. Dieser Antisemitismus war also brauchbar um z.B. eine hungernde und deswegen aufgebrachte Bevölkerung nicht gegen Fürst und Bischof ziehen zu lassen – sondern ihren Protest auf die Juden abzuleiten. Bedingung hierfür war eine tief christlich-religiös befangene Bevölkerung und eine Herrschaft, die sich als gottgewollt legitimieren konnte. Das ist wichtig zu verstehen: Damit der Antisemitismus auf diese Weise für diese Sündenbockfunktion brauchbar war, musste er auf die spezifischen Herrschaftsbedürfnisse passen. Genau genommen ist es sogar anders herum: Aus den spezifischen Herrschaftsbedürfnissen entsteht die dazu passende, diese Bedürfnisse erfüllende, Ideologie. Es sind die je konkreten Bedingungen der Herrschaftsausübung, die einer Herrschaftsideologie ihre Form und Wirkungsweise vorgibt.

Aber treffen diese Bedingungen noch heute zu oder trafen sie zur Aufstiegszeit der Nazis zu? Nein. Wenn wir heute oder auch für den deutschen Faschismus die Funktion des Antisemitismus alleine als Sündenbockfunktion deuten würden, dann verfallen wir in ein unhistorisches, unmarxistisches Verständnis von Ideologie. Dann vergessen wir den Bezug auf die jeweiligen historischen Bedingungen und tun so, als gäbe es Antisemitismus als eine Konstante, die aus sich selbst heraus erklärt und verstanden werden kann. Das wäre aber ein bürgerliches Verständnis und kein marxistisches. Ideologien existieren nicht für sich selbst, sondern sie folgen der Entwicklung der gesellschaftlichen Klassenauseinandersetzungen. Marxistinnen und Marxisten bemühen sich deshalb, Ideologien vor dem Hintergrund von
Klasseninteressen zu verstehen. – Und das sollten wir hier jetzt versuchen:

Der Antisemitismus hat für die deutschen Faschisten eine neue, den damals neuen Bedingungen angepasste Funktion übernommen. Genau genommen muss ich sagen: nicht erst für die Faschisten sondern für die völkische Bewegung, die bereits vor den Nazis entstand und aus denen heraus sich die Nazis entwickelt haben. Zu den neuen Bedingungen gehörte, dass Deutschland wieder Krieg führen wollte. Also – auch hier genauer gesagt: Dass das deutsche Monopolkapital wieder Krieg führen wollte – das Monopolkapital, das ökonomisch viel stärker gewachsen war als die englische und französische Konkurrenz – aber im Gegensatz zu diesen viel weniger Kolonien und anderweitigen Einflussraum besaß, welche von diesem Kapital nun ausgebeutet werden konnten. Also musste ein Krieg dieses – aus Sicht des deutschen Kapitals unhaltbare – Missverhältnis bereinigen. Wie macht man das aber, wenn die eigene
Bevölkerung zu einem beträchtlichen Teil solch scheinbar unzuverlässigen Leuten, wie den Sozialdemokraten hinterherläuft und sich marxistisch zu Klassenkampf und Internationalismus verhetzten lässt? Mit solchen Menschen ist ein Krieg nicht gut zu führen und deswegen werden ganz neue Mittel benötigt, um die Massen doch noch hinter der eigenen Fahne in den Krieg führen zu können. So musste es das deutsche Kapital zumindest befürchten – selbst wenn sich dann vor gut 100 Jahren zeigte, dass auch der ganz gewöhnliche Hurra-Nationalismus (und eine passende Menge Opportunismus) schon ausreichte, um die Sozialdemokraten dazu zu bewegen, jeden Internationalismus über den Haufen zu schmeißen, Kriegskredite zu bewilligen und sich als doch ganz vertrauenswürdige Partner des Kapitals zu erweisen – zumindest bis auf wenige Ausnahmen, wie es der Namensgeber unserer Parteischule einer war.

Damit habe ich jetzt in Kürze Bedingungen umrissen, mit denen die kapitalistische Herrschaft zur Zeit der Entstehung des faschistischen Antisemitismus herausgefordert war.

Die völkische Sozialismusdemagogie
Wie konnte nun also das benötigte neuartige Mittel aussehen, das geeignet war, die Arbeiterschaft, die sich in zunehmenden Maße dem Sozialismus zuwendete nun für einen Krieg im Interesse des Monopolkapitals zu gewinnen? Hier kamen verschiedene Ideologischen Bausteine zu ihrem, für diesen Zweck spezifischen Zusammenspiel: Den Arbeitern wurde versichert: „Ja, euer Gefühl benachteiligt zu sein, ist berechtigt. Ihr solltet auch euren gerechten Anteil am Reichtum haben. Das sehen wir genauso, wie ihr und deswegen sind wir alle Sozialisten. Lasst uns zusammen dafür arbeiten, dass in Deutschland das, was wir gemeinsam schaffen auch zum Wohle der Gemeinschaft dient und nicht denen, die es für ihre eigenen Zwecke zusammenraffen. Wir müssen unser Volk gegen solche Feinde verteidigen. In diesem Kampf zwischen uns Deutschen und den anderen Nationen (und Volk und Nation werden in dieser sozialdarwinistischen Demagogie immer auch als Rasse verstanden) [..In diesem Kampf zwischen uns Deutschen und den anderen Nationen] gibt es einen besonders gefährlichen Feind. Dieser Feind ist die jüdische Rasse. Denn die Juden bekämpfen uns nicht nur von außen (das tun sie, weil wahlweise die welschen Franzosen, die englische Plutokratie oder die amerikanische Ostküsteneliten als Juden identifiziert werden), sondern die Juden bekämpfen uns auch von innen. Sie machen das, indem sie unseren Kampfwillen und unser Gemeinschaftsgefühl durch Internationalismus und Klassenkampfgedanken zersetzen. Und wenn ihr jetzt sagt: Internationalismus und Klassenkampf sind doch Merkmale des Sozialismus, dann heißt das nur, diejenigen, die euch das erzählen sind Vertreter eines falschen, eines jüdisch verfälschten Sozialismus. Wir wollen aber einen deutschen, nationalen Sozialismus.“

Damit haben wir das Muster der völkischen, antisemitischen Sozialismusdemagogie. Nach diesem Muster funktioniert nun diese neue ideologische Waffe. Der Antisemitismus erfüllt hier nicht mehr die alte Ablenkungs- und Sündenbockfunktion, sondern der Antisemitismus dient nun als Mittel, um die inneren und äußeren Gegner
des deutschen Monopolkapitals (also die anvisierten Zielländer eines Kriegs und die innenpolitischen Gegner eines Kriegs) zu einem einzigen Feindbild zusammenzuformen. Dazu mussten Antisemitismus, Rassismus und Sozialdarwinismus zu diesem spezifischen Zusammenspiel gebracht werden.

Wenn wir es als Aufgabe von Marxistinnen und Marxisten ansehen, eine Ideologie nicht als etwas aus sich selbst erklärbares zu verstehen; also weder als etwas unveränderliches noch etwas, dessen Entwicklung aus der Ideologie selber heraus verstanden werden kann, dann müssen wir eben die Entwicklungen in der Realität der Klassenauseinandersetzungen untersuchen und auf dieser Grundlage die jeweils daraus entwachsenen Ideologien einschätzen.

Hinweis: Marx und Engels, Deutsche Ideologie, 1845/46:
Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hiermit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser
ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein. (MEW 3, S.26f)

Das Klasseninteresse des herrschenden Kapitals (der imperialistisch gewordenen Monopolbourgeoisie) nach der eigenen Machtausdehnung und nach einem Krieg und der Bedarf, dieses Interesse mit einer Bevölkerung durchzusetzen, die ganz andere Interessen hatte und sich dieses Konflikts auch in nicht unbeträchtlichen Teilen bewusst war – dieses Klasseninteresse ist die Grundlage für die völkische Sozialismusdemagogie und den neuen, rassistischen Antisemitismus.

NB: Dies erkennen und beschreiben zu können unterscheidet unseren Marxismus von bürgerlicher Ideologie.

In dieser Zusammensetzung haben sich Antisemitismus, Rassismus und Sozialdarwinismus dann zwar zum Führen des ersten Weltkriegs als überflüssig erwiesen – aber dafür umso brauchbarer, um das vorzubereiten, was dann vor 77 Jahren vom Zaun gebrochen wurde: den zweiten Weltkrieg.

Zur Vernichtungspolitik gegen die europäischen Juden
Wenn ich jetzt also – ein wenig im Galopp, aber ich hoffe trotzdem nachvollziehbar und ohne das ich dabei zu oberflächlich war – die Entwicklung des modernen Antisemitismus aufgezeichnet habe (modern, weil er nicht mehr religiös, sondern rassistisch begründet ist), dann sollten wir uns nun endlich der Frage zuwenden, warum es denn im Deutschen Faschismus zu dieser unglaublichen Massenvernichtungspolitik der Nazis gegen die in Europa lebenden Juden gekommen ist.

Diese Frage muss uns natürlich bereits deswegen beschäftigen, weil wir die historische Wirklichkeit verstehen wollen und also auch die Vernichtungslager und die 5-6 Millionen ermordeter Juden.

Die Antwort, die wir auf diese Frage geben können, hat Folgerungen für unser Verständnis davon, was denn der Faschismus eigentlich ist. Denn – um auch hier ein wenig vorzugreifen – wenn wir sagen, dass es zu den Massenmorden an der jüdischen Bevölkerung kam, weil die Nazis ihrer eigenen Ideologie erlegen sind und deswegen im Rassenwahn diese Vernichtungspolitik betrieben hätten (und ich behaupte, auf dieser Linie bewegen sich die überwiegende Zahl der
Erklärungsversuche), was würde daraus für unser Faschismusverständnis folgen?

Dann würde das bedeuten, dass die Nazis selber und ihre Ideologie darüber bestimmten, was der Faschismus an der Macht für eine Politik ausführt. Dann wären also die Nazipartei oder ihre Führer diejenigen, die im Faschismus herrschen. Und genau an dieser Frage trennt sich unser marxistisch-leninistisches Faschismusverständnis von allen übrigen Deutungsmustern. Wir sehen den Faschismus nicht als etwas, was aus den Faschisten selber zu erklären ist, aus der Existenz oder der Ideologie der Nazipartei, sondern wir sagen, der Faschismus ist eine Veranstaltung im Interesse des Kapitalismus und eine Form bürgerlicher Herrschaft.

Wenn wir das aber behaupten, dann müssen wir auch in der Lage sein, den Holocaust, die Massenvernichtungspolitik der Nazis, auf dieser Grundlage zu erklären. Dann müssen wir u.a. auch erklären können, warum es gerade in den letzten Jahren und Monaten des Kriegs zu einer Ausdehnung und Beschleunigung der Massenmorde kam.

Vergleichsweise einfach ist es noch, bestimmte Aspekte dieser Vernichtungspolitik auf Grundlage kapitalistischer Interessen zu erklären. Wenn wir zeigen können, dass z.B. eines der drei Lager des KZ Auschwitz gemeinsam von der SS und dem IG-Farben Konzern betrieben wurde, dann ist bei einem solchen Beispiel ein Zusammenhang leicht nachzuweisen: Die IG-Farben waren für ihr Buna-Werk in dem synthetischer Kautschuk produziert werden sollte, an billigen Sklaven-Arbeitskräften interessiert. Sowohl beim Bau der Werke als auch im Betrieb wurden die KZ-Insassen für Zwangsarbeit verwendet. Bei Schwerstarbeit auf der einen Seite und unzureichender Nahrung und Kleidung auf der anderen Seite war diese Zusammenarbeit von SS und IG-Farben-Konzern darauf ausgelegt, die Zwangsarbeiter zu verbrauchen. 20.000 –
25.000 Häftlinge haben das nicht überlebt.

Doch lässt sich auch die Massenvernichtungspolitik selber aus den Interessen des Kapitals erklären? War es nicht vielmehr gerade gegen die Interessen des doch anscheinend kühl und logisch kalkulierenden Kapitals gerichtet, wenn der organisatorische, personelle und Materialaufwand für die Vernichtungspolitik gerade gegen Ende des Krieges – als erkennbar wurde, dass er möglicherweise auch aus Sicht des Deutsche Reichs verloren würde – noch weiter betrieben und sogar ausgebaut wurde?

Feindfreier Herrschaftsraum
Die Antwort, die wir darauf geben können und – wie ich meine – auch geben müssen, setzt an mit unserem marxistischen Verständnis von Interessen. Wenn wir von Interessen sprechen – bzw. genauer: von Klasseninteressen – dann sollten wir dabei nicht in erster Linie an die unmittelbaren, quasi direkt das eigene Portemonnaie betreffende Gewinninteressen denken. Klasseninteressen richten sich im marxistischen Verständnis immer auch darauf, die Existenzbedingungen der Klasse selbst und die Grundlagen, nach denen eine Klasse lebt und sich reproduziert,
durchzusetzen. Das ist m.E. eine ganz wichtige Erkenntnis unseres marxistischen Gesellschaftsverständnisses. Wenn wir Interesse nur als Portemonnaie-Interesse verstehen, bleiben wir in unmarxistischer, bürgerlicher Ideologie verfangen. Wenn wir aber uns bemühen, die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen zu verstehen und so versuchen, auch die Massenvernichtungspolitik der Nazis auf Grundlage der Interessen des Monopolkapitals nach Durchsetzung und Sicherung seiner Herrschaft zu verstehen, dann entsteht ein anderes Bild:

Wir müssen dabei zurückgehen noch vor die Gründung der Nazipartei und noch vor dem ersten Weltkrieg. Und da können wir dann z.B. in den Dokumenten des Alldeutschen Verbandes eine Forderung finden, die uns hilft, die „Logik“ hinter dieser Geschichte zu verstehen. Der Alldeutsche Verband war eine Gründung der reaktionärsten und am stärksten auf Eroberungen fremder Territorien drängenden Kreise des deutschen Großkapitals – vor allem aus der Schwerindustrie. Einer seiner Gründer war Alfred Hugenberg, später Direktor des Krupp-Konzerns, Mitgründer der DNVP, im Präsidium des RDI und Vorstand der Deutschen Arbeitgeberverbände, Leiter des einflussreichsten Medienkonzerns der Weimarer Republik und dann 1933 auch Minister im ersten Kabinett von Hitler. In diesem 1891 gegründeten Alldeutschen Verband wurde nicht nur eine Kolonialpolitik gefordert, sondern ebenso – bzw. noch drängender – Eroberungen von neuen Raum für den „Lebenskampf des Deutschen Volkes“ – insbesondere im Osten. Das sich hinter dem „Lebenskampf des Deutschen Volkes“ das Interesse des Kapitals verbarg, seinen eigenen Herrschaftsraum auszudehnen, brauch ich hier (denk ich) nicht mehr ausführlich zu erklären. Aber – und hier setzt nun das Herrschaftsinteresse des Kapitals ein – dieser
neue Raum sollte ja zur Ausdehnung, Erweiterung und Absicherung der eigenen Herrschaft dienen und nicht etwa dazu führen, dass die dortige fremde Bevölkerung nun im Kampf gegen die Besatzungsmacht ständig Unruhe und Widerstand im
eigenen Herrschaftsbereich provoziert. Also – so belegen es die Dokumente mit den Forderungen des Alldeutschen Verbandes – müsse dieser zu erobernde neue Herrschaftsraum, möglichst Feindfrei – d.h. ohne fremde Bevölkerung übergeben werden. Diese Idee des „Feindfreien Herrschaftsraums“, der sich in der Folgezeit auch nicht nur im Alldeutschen Verband sondern auch in Dokumenten von anderen Propagandavereinen und rechten Parteien wiederfinden lässt, entspringt also dem imperialistischen Herrschaftsinteresse des Großkapitals. Ihr Klasseninteresse richtet
sich auf Expansion nach Außen und gleichzeitig nach Absicherung gegen mögliche Unruhe und Widerstand im Inneren. 1912 schreibt der damalige Vorsitzende des Alldeutschen Verbands: „Haben wir nun gesiegt und erzwingen Landabtretungen, so erhalten wir Gebiete, in denen Menschen wohnen, Franzosen oder Russen, also Menschen, die uns feind sind, und man wird sich fragen, ob solch ein Landzuwachs unsere Lage verbessert wenn man gerade der besonderen Lage des deutschen Volkes ganz auf den Grund geht, das in Europa eingeschnürt ist und unter Umständen bei
weiterem starkem Wachstum ersticken würde, wenn es sich nicht Luft macht, so wird man anerkennen müssen, daß der Fall eintreten kann, wo es vom besiegten Gegner im Westen oder Osten menschenleeres Land verlangen muß“. Und im September 1914 in einer Kriegszieldenkschrift schreibt er dann: Nach der militärischen Niederwerfung Frankreichs sei diesem soviel Land wegzunehmen, „als dem Zwecke unserer endgültigen Sicherung entspricht“. Dieses Land sei menschenleer an Deutschland zu übergeben.

Ein besonderes Problem bei der Sicherung des zu erobernden Ostens seien – so der Vorsitzende der Alldeutschen – die Juden. Denn „es sitzt dort eine ganz gewaltige Zahl von ihnen“. Sie im Lande zu belassen oder sie gar „sich über Deutschland ergießen zu lassen“, sei völlig ausgeschlossen; und keinesfalls dürften sie im vorgesehenen „östlichen deutschen Neulande bleiben, da sie dessen Entwicklung aufs äußerste gefährden würden“. Man müsse sie also noch weiter nach Osten umsiedeln oder auch gleich nach Palästina.

So äußerte sich also in der Formulierung des Alldeutschen Verband – ja was denn? Eine Ideologie? Nein, sondern ein Klasseninteresse. Gegenstand der Forderung der Alldeutschen war nicht der Antisemitismus als Ideologie, auch nicht dessen ideologische Funktion auf einen Sündenbock zu verweisen, sondern die Durchsetzung imperialistischer Klassenherrschaft.

Anwendung der Idee vom „feindfreien Herrschaftsraum“ im 2. Weltkrieg
Ich springe jetzt historisch einige Jahre weiter in die unmittelbare Vorbereitungszeit des zweiten Weltkriegs. Die deutschen Pläne sahen spätestens ab 1936 vor, den erwarteten Mehrfrontenkrieg nur dann bestehen zu können, wenn möglichst schnell möglichst große Territorien der Gegner überrollt und dem eigenen Herrschaftsraum angegliedert werden. Je weiter diese Pläne voranschritten, desto drängender wurde es damit auch, eine Strategie zu finden, wie denn dieser neu eroberte Raum gesichert werden könne. Und für den Osten griff man auf die Forderungen der Alldeutschen zurück, und griff auch deren Warnung vor der Lebenskraft und völkischen Gesundheit der Völker Rußlands auf. Von Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion an kommt es daher zu systematischen Massenmorden an sowjetischen Kriegsgefangenen und dem Kommissarbefehl. Die Zahl der dabei Ermordeten wird in den üblichen Geschichtsbetrachtungen nur wenig berücksichtigt: 3 Millionen sowjetische Bürger wurden – nicht etwa lediglich in Folge des Krieges – sondern im Rahmen dieser Politik gezielt umgebracht. Der im deutschen Monopolkapital propagierte Gedanke des
„feindfreien Herrschaftsraums“ findet hier seine praktische Konsequenz.

Wir haben schon beschrieben, dass in der völkischen Propaganda „die jüdisch Rasse“ als der gefährlichste – weil im Innern wie von Außen drohende – Feind des „Überlebenskampfs des Deutschtums“ beschrieben wurde. Nach 40 Jahren
Propaganda und nachdem – um diese Propaganda nicht selbst Lügen zu strafen – auch ihre entsprechende Umsetzung in der Politik der Nazis nach 1933 folgen musste, war es folgerichtig und geradezu zwingend, dass die Juden im Sinne der
Herrschaftssicherung als feindseliges Potential eingeschätzt werden mussten, die sich jeder Ausdehnung deutscher Macht in Zukunft aus eigenem Interesse heraus widersetzen müssten. Und tatsächlich finden sich auch tausende Juden in den Partisanenarmeen in Jugoslawien, in Rußland, Weissrußland und der Ukraine, auch in Belgien und Frankreich. Dieses Potential durfte nun – wie der Alldeutsche Verband schon 1914 geschrieben hatte – keineswegs in den zu erobernden Territorien verbleiben.

Was wir jetzt beobachten können und aus der gerade geschilderten Logik auch erklären können, ist, wie sich die Politik gegenüber den Juden dem weiteren Kriegsverlauf gemäß entwickelt. (/// Babyn Yar – Sept.1941 ///) Solange der
Ostfeldzug erfolgreich verläuft und die Aussicht besteht, der besiegten Sowjetunion aufzwingen zu können, die aus Europa vertriebenen Juden in irgendwelche Gebiete jenseits des Urals aufzunehmen, so lange kommt es zu Deportationen in den bereits eroberten Osten und zur Zusammenfassung in Ghettos. In dem Moment, wo der Vormarsch der faschistischen Truppen aber von der Roten Armee gestoppt wird, werden die Pläne zur Umsiedlung in noch weiter östliche Gebiete hinfällig oder zweifelhaft. Und es beginnt die planmäßig organisierte Politik des Massenmords an
den Juden.

Die imperialistische Idee eines Feindfreien Herrschaftsraums (und diese Idee ist ja eben nicht eine bloße Ideologie, sondern sie entspringt dem Klasseninteresse des Großkapitals nach Durchsetzung und Ausbreitung seines Herrschaftsbereichs) – [diese Idee des Feinfreien Herrschaftsraums] bietet uns so einen Hinweis, wie wir die
Vernichtungspolitik der Nazis verstehen können. Und zwar nicht als Ergebnis einer sich über die handfesten Interessen des Kapitals verselbständigenden Naziideologie – sondern als Ergebnis der von den Nazis durchgesetzten Klasseninteressen des Kapitals.

Steigerung der Vernichtungspolitik zum Kriegsende
Ein Kapitel bleibt aber noch offen und muss noch erklärt werden: Warum kam es dann – gerade als die Wehrmacht aus den besetzten Gebieten zurückgetrieben wurde – zu einer weiteren Steigerung der Vernichtungspolitik? Wenn der eroberte Raum im Osten eh wieder verloren gehen würde, dann war das Problem, ihn „feindfrei“ zu halten ja auch nicht mehr existent.

Es gibt genügend Dokumente, die zeigen, dass die Naziführung und insbesondere die Führung des SS in der Lage war, über den eigenen naheliegenden Wunsch nach Selbsterhaltung hinaus zu denken und zu planen. D.h. die Nazis und die SS planten auch für eine Zeit nach der absehbaren Niederlage in diesem Krieg und sie planten im Interesse ihrer Auftraggeber für die Bedingungen und Möglichkeiten eines Wiederaufstiegs des deutschen Imperialismus nach seiner Niederlage. Da kam es dann z.B. zu Gesprächen von SS-Generälen mit Vertretern der US-Geheimdienste, ob sich nicht der Krieg im Westen beenden lässt, und ein, nun gemeinsamer, Krieg gegen die Sowjetunion weiterführen lässt. Das Angebot der SS war, dafür auch auf die Person Hitler zu verzichten, die der amerikanischen Bevölkerung wohl kaum zu
verkaufen gewesen wäre. Und solche Verhandlungen wurden mit Wissen und mit Zustimmung Hitlers durchgeführt.

Für Vertreter einer personalisierten Geschichtsschreibung, die alles Mögliche aus der Person Hitlers oder seines Charismas oder seiner verkorksten Kindheit erklären wollen, sind die Massenvernichtungen gegen Kriegsende wirklich nicht mehr erklärbar. Denn die Fortführung der Deportationen und der Massenvernichtung war für Bemühungen, den Krieg doch noch zu gewinnen oder ihn und das eigene Überleben der Naziführer zumindest zu verlängern, nicht geeignet, sondern eher hinderlich. Für die bürgerlichen Geschichtsschreiber gelten die Steigerung der Massenvernichtungen deshalb als höchster Beleg für den Wahn und die Irrationalität der Naziführung; als Bestätigung dafür, dass sich spätestens jetzt die Nazis gegenüber dem Kapital verselbständigt hätten. Was in der bürgerlichen Geschichtsschreibung
und selbst in einigen marxistisch daherkommenden Theorien so gedeutet wird, können wir aber anders verstehen, wenn wir davon ausgehen, dass der deutsche Imperialismus aus seiner Niederlage im ersten Weltkrieg gelernt hatte: Sie mussten damals nämlich erleben, wie mit einer militärischen Niederlage im Inneren eine Situation entsteht, in der die Bevölkerung mit dem abgewirtschafteten Regierungspersonal auch noch gleich eine ebenso abgewirtschaftete
Gesellschaftsform über den Haufen schmeißt, oder es (wie 1918) zumindest versucht. Und so etwas sollte auf jeden Fall verhindert werden. Daher dann erklären sich die Morde an denjenigen, von denen vermutet werden musste, dass sie eine solche Entwicklung befördert hätten. Der Mord an Ernst Thälmann im August 1944 und die Morde an hunderten von Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern in den letzten Kriegsmonaten und -Tagen erklären sich aus diesem Bestreben der Faschisten, die zukünftigen Feinde auszuschalten. Feinde, gar nicht so sehr für die eigene Zukunft der Nazis – denn sie wussten, dass sie abgewirtschaftet hatten – sondern die Feinde der Klasse, deren Herrschaft die Nazis durchsetzen sollten.

In der gleichen Logik mussten aber nun auch alle Juden umgebracht werden, denen man habhaft wurde und von denen man ebenso annehmen musste, dass sie sich einem Neuaufstieg des deutschen Imperialismus entgegenstellen würden. Reinhard
Opitz schließt in seinem Buch „Faschismus und Neofaschismus“ den Artikel, in dem er diese Erklärung für die Massenmorde gegen Kriegsende darstellt mit dem Satz den ich jetzt auch ans Ende meines Referats stelle: „Der fortgesetzte Massenvernichtungswahnsinn des Jahres 1944 und der militärische Durchhaltewahnsinn des Jahres 1945
hatten in Bezug auf das Ziel, Hitler an der Macht zu halten, also tatsächlich keine „Rationalität“, sie entsprangen beide der imperialistischen Rationalität — schon des nächsten Krieges.“

Literaturhinweis: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus, 1984
Jürgen Lloyd, 3.11.2016