Wie Moskau auf die Gefahr eines Krieges reagiert

Die junge Welt vom vergangenen Dienstag veröffentlichte folgenden Artikel. Wir meinen dieser gehört gelesen! Wir meinen, lest und abonniert die junge Welt – gerade in Kriegszeiten gibt es keine wie sie, die aufklärt und der Medienpropaganda der NATO entgegen hält!

Russland schreckt ab
Wie Moskau auf die Gefahr eines Krieges reagiert

von Reinhard Lauterbach

Die Erklärung, die General Igor Konaschenkow, Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Anfang dieses Monats abgab, war im Ton betont sachlich, aber im Inhalt beispiellos. Wer immer auf die Idee komme, Stellungen der syrischen Armee bombardieren zu wollen, gefährde damit auch das Leben russischer Militärs. Und derjenige möge sich darüber klar sein, dass jedes potentiell feindliche Flugobjekt abgeschossen werde. Man werde sich nicht die Zeit nehmen, lange über dessen Herkunft zu rätseln. Entsprechend moderne Flugabwehrraketen seien in Syrien stationiert worden; Fans »unsichtbarer Bomber« würden in einer für sie »unangenehmen Realität« landen. Der Adressat der Warnung war klar: Washington, wo zu jenem Zeitpunkt über Luftschläge gegen Syrien nachgedacht wurde. Tatsächlich ist es von US-amerikanischer Seite seitdem still um diese Option geworden. Die Botschaft ist offenbar angekommen.

Aus russischer Sicht war der Angriff von US-Kampfflugzeugen auf einen Stützpunkt der syrischen Armee in Deir Essor Mitte September kein Irrtum, wie es die USA erklärten, sondern eine Provokation, um den gerade zwischen Moskau und Washington ausgehandelten Waffenstillstand und eine gemeinsame Bekämpfung von »Islamischem Staat« (IS) und Al-Nusra-Front zu sabotieren. Seitdem erhöht Russland den Einsatz, einstweilen symbolisch. Drei vor 16 Jahren abgeschlossene Abkommen über die Entsorgung von Waffenplutonium wurden ausgesetzt, bis sich, so Präsident Wladimir Putin, die NATO aus Osteuropa auf ihre Ausdehnung im Jahr 2000 zurückziehe

– also insbesondere ihre Erweiterung um das Baltikum, Rumänien und Bulgarien rückgängig mache – und die USA ihre unfreundliche Politik gegenüber Russland aufgäben und Entschädigungen für die zugefügten Einbußen zahlten. Es ist klar, dass diese Bedingungen nicht dazu gedacht sind, dass Washington sie akzeptiert, sondern dass sie bedeuten: Schluss mit lustig. Gleichzeitig erklärte Putin, Russland werde das Waffenplutonium nicht zur Produktion neuer Bomben verwenden. Das zweite Signal lautet also: Wir werden das nukleare Kräfteverhältnis von uns aus nicht verändern.

Gleichzeitig verstärkt Russland seine Vorbereitungen für den Fall, dass die Abschreckung nicht funktionieren sollte. Das Großmanöver »Kawkas 2016« im September war nach Mitteilung von Verteidigungsminister Sergej Schojgu das größte seit Jahren. Minutiös zählte er auf, dass 120.000 Soldaten 500 Tonnen Munition und 35.000 Tonnen Treibstoff verbraucht hätten. Das Manöver sei auch eine Auswertung der Praxistests neuer russischer Waffensysteme im Rahmen des Syrien-Einsatzes gewesen. Nicht alles habe funktioniert wie geplant, die heimische Rüstungsindustrie werde nachbessern müssen.
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Weniger wurde über die Ergebnisse einer ebenfalls im Oktober durchgeführten großangelegten Zivilschutzübung bekannt. Dort sollte die Reaktion und Koordination auf »natürliche oder technische Katastrophenfälle« eingeübt werden. Jede Region bekam ein eigenes Szenario zugeteilt – der Absturz eines Flugzeugs auf eine Chemiefabrik im fernöstlichen Chabarowsk, ein großes Ölleck im Gebiet Wolgograd, die Rettung von Verschütteten in Tschetschenien usw. Neben 200.000 Rettungskräften und 50.000 Spezialfahrzeugen waren auch 40 Millionen Bürger – und damit fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung – in die Übung einbezogen. Das war ein Hinweis an diese, sich den Ernst der Lage bewusst zu machen. Lokalmeldungen trugen dazu bei: Die Verwaltung von St. Petersburg gab die Höhe der Brotrationen im Mobilisierungsfall bekannt – 300 Gramm pro Person und Tag. In Moskau wurde mitgeteilt, dass die unterirdischen Schutzräume inspiziert und für in Ordnung befunden worden seien. Ein jüngst veröffentlichter Erlass schließlich regelt die Heranziehung privater Brotfabriken und Autowerkstätten für die Armee im Kriegsfall. Die Streitkräfte haben begonnen, eigene Katastrophenschutzregimenter aufzustellen, die bei Angriffen auf die »Militärstädtchen« zum Einsatz kommen sollen, in denen die Familien der Soldaten leben.

Nach diesen alarmierenden Meldungen war wieder Zeit für Beruhigendes. Das russische Militär, so teilte der Generalstab mit, habe soeben sein eigenes internes IT-Netzwerk in Betrieb genommen, dessen Rechner keine Verbindung zum Internet haben und über keine Eingänge für externe Laufwerke jeder Art verfügen. Cyberattacken seien also zwecklos. Und die offiziöse Föderale Nachrichtenagentur veröffentlichte einen Beitrag darüber, dass Überraschungsangriffe heute ohnehin unmöglich seien. Jede Seite wisse, dass die andere Tage brauche, bis Atomwaffen wirklich startklar seien; genug Zeit, um dies aus dem Weltraum oder auf andere Weise mitzubekommen. Fazit: »Es wird keinen Krieg zwischen den USA und Russland geben. Die heutige Hysterie der Kriegspartei in den USA zeugt nur davon, dass die russische Führung die USA ausgetrickst hat.«

Entnommen der Tageszeitung junge Welt vom 24.10.2016. Link zur Zeitzung hier .