Sturm auf die Festung Brest (Russland 2010)

Filmvorführung der DKP-Oldenburg im Rahmen der Filmreihe „75 Jahre Überfall auf die Sowjetunion“

Der Film basiert auf den gleichnamigen dokumentarischen Buch von Sergei Smirnow. Die Handlung des Films zeigt die ersten fünf Tage des Großen Vaterländischen Krieges und die Verteidigung der Brester Festung. Die Erstaufführung fand am 22. Juni 2010 in Weißrussland statt.

13.07.2016 / 19:30 Uhr
Bei Beppo, Auguststraße 57 – Oldenburg


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Filmkritik entnommen

Am Tag vor dem deutschen Angriff liegt seit 1939 die russische Festung Brest, die eine Flussmündung an der Grenze zu Polen bewacht, in tiefem Frieden. Rund 9000 Menschen leben in dem Familien der 300 Offiziere, als einfache Soldaten oder als Handwerker usw. Der etwa zehnjährige Alexander Akimov, genannt Saschka, bläst die Tuba, kommt aber aus dem Takt, als ihn Anja, die Tochter des Kommandanten, neckisch mit dem Spiegel blendet. Zur Strafe für sein Falschspielen wird er von seinem großen Bruder in die Festung zurückgeschickt. Vielleicht sieht er Anja morgen wieder.

Nikolai kommt mit einem neuen Film aus Moskau nach Brest, aber auch um seine große Liebe Sonja, die im Festungsladen bedient, wiederzusehen. Heute Nacht will er um ihre Hand anhalten. Er nimmt den Politkommissar Fomin mit, der keinen Sitzplatz im vollbesetzten Zug nach Minsk mehr bekommen hat. Kriegsgerüchte sind über die polnische Grenze geschwappt. Die Bürger fliehen vor kommendem Unheil. Fomin ahnt weder, dass deutsche Saboteure bereits in die Stadt eingedrungen sind, noch, dass er den Widerstand der Festung maßgeblich bestimmen wird. Dass die Deutschen unbehelligt die Strom- und Wasserleitungen beschädigen können, wird sich schon bald katastrophal auswirken.

Am 22. Juni sitzen Saschka und Anja bereits angelnd am Ufer des Flusses. Da jagen Tiefflieger über die Idylle und werfen Bomben ab, während darüber Bomberstaffeln die Stadt Brest anfliegen. In wenigen Stunden verwandelt sich Brest in einer Trümmerwüste, eine Hölle auf Erde. Die Soldaten geraten in Panik, alle denken nur an sich. Erst als Major Gavrilov in die Luft feuert, kommen sie zur Besinnung. Er hat als einziger die Katastrophe kommen gesehen – und dass Brest nicht standhalten kann.

Als die ersten Stuka, Panzer und Infanteriesoldaten der Deutschen in Sicht kommen, versucht Gavrilov mit Fomin und Anjas Vater den Widerstand zu organisieren. Saschka und Anja werden getrennt. Wird er sie jemals lebend wiedersehen?

Mein Eindruck

Der Film wurde zum 70. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion angefertigt, also zum 22. Juni 2011. Bei der Uraufführung in der Festung Brest waren deshalb auch einige Veteranen zugegen, und bei der offiziellen Gedenkfeiier am Mahnmal waren keine Geringeren als die Staatsoberhäupter von Russland (Medwedjew) und Weißrussland (Lukaschenko) zugegen, um den gefallenen Helden die Ehre zu erweisen. Man sieht also, dass die Anfertigung dieses Films von vornherein eine höchst politische Angelegenheit war. Dementsprechend deutlich fällt auch die Heldenverehrung im Film aus.

Vier Handlungsstränge

Die Handlung weist vier Stränge auf. Im Zentrum steht der letzte Zeuge, der später angeblich auch das Buch schrieb und zudem als Ich-Erzähler in Erscheinung tritt: Saschka Akimov. Wie Ishmael in „Moby Dick“ kommt ihm die Aufgabe zu, als einziger Überlebender Zeugnis von der Katastrophe abzulegen. Aber seine zweite Aufgabe ist es auch, die Regimentsfahne in Sicherheit zu bringen – und somit die Ehre der Gefallenen.

Die Handlung ist simpel: Saschkas Suche nach Anja führt ihn über mehrere Stationen zu den drei Anführern des Widerstands gegen die deutschen Angreifer und Belagerer. Diese Führungspersönlichkeiten sind die drei im Festungsmuseum inzwischen verewigten und 1957/67 zu „Helden der Sowjetunion“ erklärten Offiziere – neben Major Gavrilov und dem Festungskommandanten Lt. Kischewatow, Anjas Vater, ist das auch der Politkommissar Fomin Moissewitsch. Es ist konsequent, dass jeder einzelne von ihnen einen Heldentod stirbt.

Verbrechen der Wehrmacht

Interessanter sind hingegen manchmal die Nebenfiguren. Denn die Absicht des Regisseurs Alexander Kott und seiner Produzenten bestand nicht nur darin, das Leiden und den Opfertod der Helden zu verklären, sondern auch die Gräuel des Krieges darzustellen. Und dazu gehören vor allem auch die Verbrechen der Wehrmacht. Von SS findet sich noch keine Spur. Es treten nur ganz normale Wehrmachtsoffiziere und -soldaten auf. Dennoch begehen auch sie Verbrechen, womit die russischen Macher eindeutig dem in Deutschland so lange gepflegten Mythos, die Wehrmacht sei rein von den Sünden der SS, widerspricht.

Zu den Verbrechen, die u.a. Hitler anordnete, gehören die Vergewaltigung von Filmvorführer Nikolais Verlobter Sonja, die standrechtliche Erschießung des Kommissars Fomin ohne Verhandlung sowie die Ermordung der Gefangenen anno 1942. Dass es überhaupt Gefangene gab, ist auf die Initiative der drei oben genannten Offiziere zurückzuführen. Es handelt sich dabei natürlich in erster Linie um Frauen und Kinder. Dass manche von ihnen „in den Wald“ geführt wurden, lässt nichts Gutes für ihr Schicksal ahnen.

In mancherlei Hinsicht sind die Informationen des Films sehr ungenau und eher Andeutungen. Sonjas Vergewaltigung wird überhaupt nicht gezeigt. Wahrscheinlich ist der Film in Russland sogar ab 12 Jahren freigegeben. Aber Sonjas Schicksal ist nicht Selbstzweck, sondern rechtfertigt, dass Saschka einen Deutschen erschießt, um Anja das gleiche Schicksal zu ersparen. Und auch Nikolai erhält Gelegenheit, Sonjas Tod an dem höchsten deutschen Offizier, einem Brutalo wie SS-Führer Reinhard Heydrich, zu rächen.

Wanja und Schura

Eine weitere starke Szene, die den russischen Zuschauer mitten ins Herz trifft, ist die des Paares Wanja und Schura, die in der inzwischen überrannten Stadt Brest ausharren. Fomins Spähtrupp stößt auf Schura, die Munition erbittet. Doch der Spähtrupp hat selber zu wenig davon. Bleiben also nur noch wenige Patronen übrig. Doch wozu? Ohne ersichtlichen Grund sind Wanja und Schura beide der festen Überzeugung, dass man sich den Deutschen nicht ergeben könne. Naja, beide haben die Angreifer beschossen und werden selbst beschossen. Trotzdem gab es auch 1941 schon die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konvention, von den Menschenrechten ganz zu schweigen. Aber die beiden beschließen, lieber zu sterben, als sich zu ergeben. Die Frage ist nur, wer als Erster stirbt …

Spezialeffekte

Computertricks gibt es hingegen ebenfalls genügend. Es wurden ja keine Originalflugzeuge eingesetzt – erstens gibt es kaum welche, zweitens wäre das zu riskant und teuer geworden. Also erschuf man sämtliche Flugzeuge im Rechner, ebenso den am Fallschirm zu Boden schwebenden russischen Piloten. Der gewaltigste und zugleich unheimlichste Computereffekt ist jedoch die Zwei-Tonnen-Bombe, die Hitler – nach fünf Tagen des Widerstands in der Festung Brest – abwerfen ließ. Ihre Wirkung entspricht ihrer Sprengkraft: verheerend.

Schwächen

Das Schlussbild zeigt einen einsam in den Sonnenuntergang wankenden Saschka, der die Regimentsfahne rettet. Ausgerechnet jetzt beginnt es zu regnen – Wasser, das die Verteidiger fünf lange Tage hindurch entbehren mussten. Dass Saschka gen Westen tappt, spricht nicht gerade für seinen Orientierungssinn. Denn dort ist ja bereits alles Land bis zum Atlantik von deutschen Truppen besetzt.

Auch die deutsche Infanterie verhält sich wider Erwarten. Eben hören wir noch den Feldwebel befehlen, alle Soldaten sollen sich an die Mauern halten, aber was tun die? Sie stellen sich taub und tappen quer über den Hof – direkt ins Mündungsfeuer der Verteidiger. Dies ist reines Wildwestspektakel und ziemlich unglaubwürdig.