Geh und siehe (UdSSR 1985)

Filmvorführung der DKP-Oldenburg im Rahmen der Filmreihe „75 Jahre Überfall auf die Sowjetunion“

Die literarische Vorlage Хатынская аповесць (1972, 1976, Roman, dt.: Die Erzählung von Chatyn) und das Drehbuch von Ales Adamowitsch beziehen sich, ohne dokumentieren zu wollen, auf den Massenmord der SS-Sondereinheit Dirlewanger am 22. März 1943 an den Bewohnern des Dorfes Chatyn. Die Filmkritik hält dazu fest: „Wir erfahren nichts über konkrete Orte, Fronten oder Ereignisse. Auch wenn er den SS-Kommandanten nach einem historischen Nazi, namentlich SS-Oberführer Oskar Dirlewanger, gestaltet, und die Soldaten tatsächlich von Deutschen dargestellt werden, spielt das letztlich keine Rolle für den Film.“ ‚Komm und sieh‘ wurde in sowjetischen Kinos 28,9 Millionen Mal gesehen. Der Film wurde auf mehreren Filmfestivals gezeigt und kam am 9. Mai 1986 unter dem Titel ‚Geh und sieh‘ in die Kinos der DDR, am 7. Mai 1987 in die der Bundesrepublik.

06.07.2016 / 19:30 Uhr
Bei Beppo, Auguststraße 57 – Oldenburg

Filmkritik:

„Komm und Sieh“ (in der DDR war er unter den Titel „Geh und Sieh“ bekannt) ist ein sowjetischer Anti-Kriegsfilm. Mein lieber Herr Gesangsverein, und wie er gegen den Krieg ist! Regisseur Elem Germanowitsch Klimow (der symbolisch dazu noch in Stalingrad geboren war), in der UDSSR für kurze Zeit ein Paria, hat sich mit diesem Film unsterblich verewigt. Ales Adamowitsch – er war 1943 selbst ein weißrussischer Partisan – lieferte durch seine Erzählungen nicht nur die literarische Vorlage, sondern beteiligte sich auch am Drehbuch. Der Name des Filmes stammt aus der Bibel, genauer aus dem 6.Kapitel der Offenbarung des Johannes. Dort wird mit „Komm und Sieh“ die Aufforderung beschrieben, die Verheerungen der Reiter der Apokalypse zu betrachten. Und der Film ist wirklich die Apokalypse, der Filmtitel – der Unwissenden recht harmlos klingen dürfte – könnte nicht passender sein. Der Zuschauer wird aufgefordert, die apokalyptische Zerstörung der Nazis in Weißrussland anzusehen…

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Denn ein historischer Hintergrund ist gegeben: Das weißrussische Dorf Chatyn wurde am 22.März 1943 von der SS-Sondereinheit Dirlewanger dem Erdboden gleichgemacht. Ausschlaggebend waren die starken Partisanentätigkeiten, denen u.a. ein Hauptmann einer deutschen Schutzmannschafts-Bataillon zum Opfer fiel. Daraufhin traf als Verstärkung die besagte SS-Sondereinheit ein (benannt nach deren SS-Oberführer Oskar Dirlewanger), plünderten das Dorf, vergewaltigten eine junge Frau und trieben die Dorfbewohner in eine Scheune, die sie daraufhin anzündeten. Wer versuchte, sich von den Flammen zu retten, wurde dabei erschossen. Das Massaker kostete 152 Menschen (darunter 76 Kinder) das Leben, nur drei Dorfbewohner überlebten es. Das Dorf wurde daraufhin nicht wieder aufgebaut, stattdessen wurde 1969 eine Gedenkstätte eröffnet, die an allen von den Deutschen zerstörten Ortschaften in Weißrussland gedenken soll. „Chatyn“ wurde auch zum Synonym für die Zerstörungswut der Nazis über weite Strecken Weißrusslands.

Der Film benennt die Gegebenheit, sowie den Ort nicht explizit, basiert jedoch auf das historische Ereignis. Der Protagonist ist anfangs ein kleiner Junge namens Fljora. Bereits am Anfang des Films wird die wegweisende Richtung des Films vorgegeben: surrealistisches, auf Bildgewalt setzende Handlung, die Szenen eine lange Wirkung verleihen, sowie Personen, die psychisch-angeschlagen agieren, als würden sie ausschließlich mit sich selbst sprechen. Die Wirkung des Krieges entfaltet sich dadurch schlagartig. Die Kinder sprechen in einem derben Ton, strahlen Mordlust und Wahnsinn aus. Das Plündern der Habseligkeiten von Gefallenen wird wie das Normalste auf der Welt vorgestellt, das Finden einer Waffe als Allheil. Die Umgebung ist karg und langweilig. Die Mutter wirkt ebenfalls, als hätte sie bereits einen Dachschaden (trotz Vernunftrolle), als Partisanen kommen, um den begeisterten Jungen abzuholen.

Die dürftigen, arme Holzsiedlungen zeigen den schweren Stand der Bevölkerung, hier hat man es mit einer verarmten Landbevölkerung zu tun, die eine bescheidene Lebensgrundlage aufweisen. Die Waldbewohner wirken wie Hinterwäldler, die Partisanen „durchgeknallt“, was man schon an der Darstellung des Gruppenfotos bemerkt. Die verlumpten Bewaffneten, erinnern eher an einer Theatergruppe als an richtigen Partisanen, die Darbietung wirkt gewollt lachhaft. Der Protagonist erweckt keine Sympathien, er lässt zwar einen Funken Kampfgeist überspringen, stellt sich aber selten dämlich an (z.B. bei der Parole), man fiebert mit ihm nicht mit und man denkt sich sofort seinen Teil, das seine Lebenserwartung als Partisan nicht sonderlich hoch sein dürfte.

In den Wäldern findet der junge Protagonist ein junges Mädchen. Sie wirkt schön und hässlich zugleich (je nach Kameraeinstellung), dank den phänomenalen, wechselnden Stilmitteln wirken die Worte der Waldnymphe wie eine Drohung und ihr Horizont scheint schon auf einen geistlichen Verfall hinzudeuten. Anschließend fliehen sie vor dem Beschuss aus der Luft und den Fallschirmspringern, die im Waldgebiet landen. Nachdem sie merkten, dass bereits die Deutschen im Dorf gewütet haben, suchen sie Überlebende und ein neues Heil und scheinen auch den letzten Rest an Verstand zu verlieren. Sie begeben sich sinnloserweise in ein Moor hinein, schreien im Dreck und man erwartet nur, dass sie versinken. Diese ewig lange, sich stark ziehende Szene, ist unerträglich. Überragend!

Als interessantes Stilmittel, „vergisst“ der Film das Schicksal des Jungen erst einmal und er bleibt für lange Zeit nur noch eine Randfigur. Der neue Protagonist ist niemand geringeres als „der Schrecken des Krieges“ höchstpersönlich. Dorfbewohner kämpfen bereits gegen sich selbst, da Kollaborateure vermutet werden, wertvolles und überlebensnotwendiges Vieh wird versucht zu stehlen, zu retten und schließlich niedergeschossen. Eine weitere sehr denkwürdige Szene ist die Aufstellung einer Vogelscheuche aus einer deutschen Offiziersuniform und einem echten Totenschädel. Anschließend knetet man um den Totenschädel mithilfe von Schlamm ein bizarres Gesicht. Anschließend schleift man die „Vogelscheuche“ („Nazischeuche“?) eine zeitlang als eine Art Banner mit sich herum. Auch schleicht man eine Weile mit den Partisanen im Dickicht herum, wobei es jedoch keine Charaktervertiefungen gibt. Jeder ist austauschbar. Die Dialoge zeigen eher das Anheimfallen von Angst, Verdrängung und Wahnsinn, als Hintergründe.

Das eigentliche Massaker an dem Dorf (Chatyn) gehört für mich zu einer der denkwürdigsten Szenen der Filmgeschichte (u.a. neben der Kriegsgefangenenszene in „Die durch die Hölle gehen“). Allein die selbstgefällige und sadistische Vorstellung der Deutschen ist sehr denkwürdig getroffen und das anschließende, völlig grundlose Töten der Bevölkerung ist unerträglich. Hier treffen die ewig langen – da sich nahezu komplett durch die Szene ziehenden – Menschenschreie, die Fassungsgabe des Zuschauers mit einem tonnenschweren Hammer. Das Dorf brennt, die Menschen verbrennen oder ersticken, Kinder sterben, wer versucht zu fliehen wird niedergeschossen. Danach sieht es wirklich aus, als wären die Reiter der Apokalypsen dort gewesen… Man kann den Zorn der Deutschen nicht mal erahnen, da man im Film keine Rechtfertigung sieht (z.B. Erfolg der Partisanen, das Erschießen von Deutschen). Sie kommen, zerstören, und gehen.

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Als einige Deutsche später (und abschließend) in die Gefangenschaft der Partisanen kommen – nebst einheimischen Kollaborateuren – erübrigt man auch als Zuschauer keine Gnade mehr. Das vergebungsversuchte Winseln des Gruppenführers und die verhasste, ideologiedurchtränkte Drohung des zweiten Deutschen stehen im Kontrast, kommen jedoch beide als Rechtfertigungsansätze unglaubwürdig rüber. Alle Achtung vor dem zweiten Schauspieler, der wirklich wie ein verbohrter, unheilbarer Nazi rüberkommt. Der kleine Junge Fljora, den man nach den Bildern fast schon vergessen hat, kehrt zudem wieder ins Bewusstsein zurück: Er ist einer der wenigen Überlebenden.

Der Film sägt an den Nerven, er ist unerträglich, er will das man ihn nicht mag, mehr als einmal habe ich – trotz der großen Klasse – mit mir gehadert, ob ich ihn nicht einfach ausschalten sollte. Wenn man nicht in einer Stimmung für den Film ist, würde ich sogar raten, ihn erst einmal nicht anzuschauen. Ähnliche Gefühle hatte ich nur bei einzelnen anderen Werken, wie z.B. „Requiem for a Dream“. Aber wie ein ehemaliger Mitbewohner von mir schon sagte: „Als Filmmacher kann man kaum schlimmeres vollziehen, als die Realität abzubilden“. Und das was in der Eliminierungsszene so passiert, war wohl die Realität. Oder etwas, das der unvorstellbaren Realität recht nahe kommt… und das trotz der zahlreichen surrealistischen Elementen, die den Film zuvor durchzogen haben.

Dieser Film gehört folglich in jeder Anti-Kriegsfilm-Sammlung und stellt für mich ein wichtiges Zeugnis für die Schaffenskraft des Medium Films dar. Ich kenne kaum einen schonungsloseren Film und er stellt einer der denkwürdigsten Momente der Filmgeschichte dar. Nicht umsonst war das Echo unter Kritikern damals überwältigend. Ich kann mir jedoch auch – aus oben genannten Gründen – vorstellen, dass manchen Zuschauer der Film überfordern dürfte.

Ich gebe den Film 9,5 von 10 Punkten. Warum keine 10? Der Film schafft es leider nicht in jeder Szene die oben genannten Attributen gänzlich rüberzubringen. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich manche Szenen nicht doch zu langatmig fand. Nicht überall hat sich mir das Agieren der Menschen erschlossen. Wobei vieles auch sicherlich unterschiedlich zu Interpretieren sein dürfte.

egill-skallagrímsson: