Revolutionäre Matrosen

Im Sommer 1917 scheiterte eine Rebellion in der kaiserlichen Kriegsflotte

Anfang 1917 erreichten auch im deutschen Kaiserreich die Aktionen gegen den Krieg und gegen die zunehmende Not ein größeres Ausmaß. Der Hungerwinter 1916/17 hatte die Not vieler Menschen vertieft. Den verlustreichen Schlachten des Jahres 1916 – so der von Verdun – folgten opferreiche weitere. Doch der Krieg sollte bis zum siegreichen Ende weitergeführt werden. Nach Wechseln in der Obersten Heeresleitung standen nun zwei der entschiedensten Befürworter des Durchhaltens bis zum Sieg, Hindenburg und Ludendorff, an deren Spitze. Als Deutschland Anfang 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg erklärte, der sich vor allem gegen England richtete, das heißt gegen einen der Hauptkonkurrenten Deutschlands beim Kampf um Absatzmärkte, war der Kriegseintritt der USA die unmittelbare Folge. Ein Ende des Völkermordens, des Hungers und des Elends war nicht absehbar.

Im Januar gab es in der Berliner Rüstungsindustrie mehrtägige Ausstände, im Februar streikten Tausende in den Bergbaurevieren und Metallbetrieben des Rhein-Ruhr-Gebietes und Westfalens. Zu weiteren Aktionen kam es im März 1917 in Barmen. Bremen. Hamburg. Kiel und Nürnberg. Soziale Forderungen standen im Vordergrund. Mitte April 1917 begannen in mehreren Zentren der Rüstungsindustrie – vor allem in den Hochburgen der gerade, Anfang April, gegründeten USPD wie Berlin, Leipzig, Braunschweig und Halle – Streiks, an denen sich hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligten. Letzter Auslöser dieser Streikwelle war die zum 1. April des Jahres erfolgte weitere Senkung der Brotrationen. In den Auseinandersetzungen wurden – wie beispielsweise durch Leipziger Arbeiterinnen und Arbeiter, die einen sofortigen annexionslosen Frieden, die Wiederherstellung der Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, das Ende des Arbeitszwangs sowie ein demokratisches Wahlrecht forderten – nun zunehmend neben sozialen auch politische Forderungen gestellt. Erste Arbeiterräte entstanden.

Mit großer Mühe gelang es der kaiserlichen Regierung – nicht zuletzt mit Hilfe der Führung der SPD und der Gewerkschaftsführungen – mit Zugeständnissen, aber auch mit Zwangsmaßnahmen diese Massenstreiks „in den Griff“ zu bekommen, d. h. die weitere Ausweitung zu verhindern, die Streiks abzuwürgen. Doch in Teilen der herrschenden Klasse war man sich zu dieser Zeit durchaus schon bewusst, dass das russische Beispiel, die Februarrevolution durchaus auch in Deutschland Schule machen könnte. So schrieb Kronprinz Konstantin von Bayern am 19. Juli 1917 an den Grafen von Hertling, den späteren deutschen Kanzler: „Die Kreise der Großindustrie sind jetzt in Deutschland die ausschlaggebenden. Die letzten zwanzig Jahre schon stand die ganze auswärtige Politik des Reiches im Dienste der Industrie- und Handelsmagnaten, nicht Deutschlands Wohl war maßgebend, sondern der Profit, den jene Konsortien machten oder noch zu machen hofften – siehe Marokko! – Alles tanzte um das goldene Kalb.“ (Zitiert nach Heinz Wohlgemuth: Die Entstehung der KPD. Überblick, Berlin 1968, S. 213)

Die Proteste greifen auf die Flotte über
Die kaiserliche Hochseeflotte galt – im Wettrüsten mit dem Konkurrenten England modernisiert und ausgebaut – zu Beginn des 1. Weltkriegs als zweitstärkste Flotte der Welt. Doch nur die U-Boote spielten in den Kämpfen eine wichtige Rolle. Die großen modernen Schlachtschiffe blieben meist im Hafen, kamen nur selten zum Einsatz, die „Fernblockade“ durch die englische Flotte und ihre Verbündeten konnte nicht durchbrochen werden. Für die Mannschaften gab es auf den in den Heimathäfen liegenden Schiffen Langeweile, Schikanen, schlechte Verpflegung – während sie erleben mussten, dass die Offiziere sehr viel besser, teilweise auf Kosten der Besatzung, versorgt wurden. Unmut, ja Empörung waren die Folge. Matrosen und Heizer forderten die Bildung von Menagekommissionen, die zumindest eine gerechte Verteilung der Hungerrationen beaufsichtigen sollten.

Eine Besonderheit im Vergleich zum Landheer war, dass für die Besatzungen der modernen Schiffe qualifizierte Leute benötigt wurden. Das waren oft zum Militär eingezogene Arbeiter, von denen nicht wenige schon zuvor jahrelang der Sozialdemokratie angehört hatten. Schon das erklärt, warum in Teilen der Kriegsflotte revolutionäre Ideen weiter verbreitet waren als im Landheer. Und zudem gab es in den Hafenstädten an Land zudem viele Möglichkeiten, ständig in Kontakt mit den Arbeitern, vor allem denen auf den Werften, und ihren Organisationen zu bleiben
Zu ersten Protesten gegen die Missstände an Bord kam es bereits im Januar auf dem Schlachtschiff „Posen“. Schon 1915/1916 hatten sich auf einzelnen Schiffen revolutionäre Heizer und Matrosen in kleinen sozialistischen Diskussionsgruppen zusammengefunden. Die Erfahrungen des Krieges, des wachsenden Elends verstärkten die Antikriegshaltung nicht weniger. Die Februarrevolution in Russland sowie die Gründung der USPD bestärkten viele in ihrer Haltung (Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 2, Berlin 1966, S. 322). In Wilhelmshaven, Kiel und Cuxhaven wurden Verbindungen zu den Werftarbeitern und deren politischen Organisationen geknüpft. Materialien der USPD, aber auch der Linksradikalen gelangten so auf die Schiffe. Max Reichpietsch, der sich im Alter von 18 Jahren 1912 freiwillig zur Flotte gemeldet hatte, den die Erlebnisse im Krieg (er war 1916 Teilnehmer der Skagerrakschlacht, der größten Seeschlacht im 1. Weltkrieg) und die Schikanen an Bord jedoch zum Kriegsgegner machten, benutzte einen Urlaub in Berlin, um Kontakte zur Führung der USPD aufzunehmen. Nach Gesprächen mit den Vorstandsmitgliedern der USPD Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Ewald Vogtherr kehrte er mit der Absicht an Bord zurück, in der Flotte viele Mitglieder für die USPD zu werben.

Reichpietsch selbst verstand sich in der Folge als Mitglied der Partei. In Berlin wurde zudem – nicht nur bei ihm – Hoffnung erweckt, eine für den 15. August in Stockholm geplante Konferenz sozialistischer Parteien werde zu Aktionen gegen den Krieg aufrufen. In kurzer Zeit wurden in Kiel und Wilhelmshaven eine Reihe von Versammlungen durchgeführt, an denen Hunderte Heizer und Matrosen teilnahmen. Die örtlichen Funktionäre der USPD in Kiel unterstützten diese Aktionen. (Geschichte …, ebenda) „Auf den Schiffen begann … eine Unterschriftenaktion für einen Friedensappell an diese Konferenz, zugleich verbunden mit der Beitrittserklärung zur USPD. Mindestens 5 000 Unterschriften wurden dabei auf den kampfstärksten Einheiten der Flotte gesammelt. Diskutiert wurde auch, den für den 15. August aus Stockholm erwarteten Friedensappell mit einem Flottenstreik zu unterstützen und jeden Einsatz gegen streikende Arbeiter zu verweigern. Die Sorgen der Herrschenden in OHL und Regierung über eine drohende Verbindung von Arbeiter- und Soldatenbewegung waren also durchaus begründet.“ (Günter Judick: Sommer 1917 in Deutschland, in: UZ vom 17.8.2007)

Die Konferenz in Stockholm kam nicht zustande.
Nach den Aprilstreiks in vielen deutschen Städten wurden nicht wenige der aktiven Teilnehmer an den Aktionen trotz anderer Zusicherungen, zum Kriegsdienst einberufen, viele davon zur kaiserlichen Flotte. Auch durch ihr Wirken wuchs dort der Einfluss der revolutionären Kräfte, die den Frieden durch einen Flottenstreik als Teil eines Generalstreiks der Arbeiter erzwingen wollten. Übrigens gab es in nicht wenigen Akten der neu Einberufenen Sondervermerke. In einige Fällen hieß es, dass zu begrüßen sei, wenn der Betreffende nicht mehr zurückkehre.(Deutschland im Ersten Weltkrieg. Januar 1915 bis Oktober 1917. Band 2, Berlin 1968, S. 677)

Zu weiteren Protesten in der Flotte kam es im Mai auf der „Oldenburg“. Am 6. Juni 1917 traten die Matrosen auf dem Schlachtschiff „Prinzregent Luitpold“ wegen der schlechten Verpflegung in den Hungerstreik. Anfang Juli kam es auf der „Friedrich der Große“ zu Protesten. Mitte Juli beschwerte sich ein Teil der Mannschaft auf der „Posen“ kollektiv über die Verpflegung. Aktionen auf weiteren Schiffen folgten. Am 24. Juli trafen sich Vertreter verschiedener Schiffsbesatzungen zu einer Beratung, auf der die Durchführung einer Friedensdemonstration zusammen mit Werftarbeitern geplant wurde. Auf einer Versammlung von Vertrauensleuten am 27. Juli wurde das Aktionsprogramm konkretisiert. Eine Koordinierungsgruppe entstand, der neben Reichpietsch, der Matrose auf dem Großlinienschiff „Friedrich der Große“ war, dem Oberheizer Willy Sachse und dem Matrosen Wilhelm Weber vom gleichen Schiff sowie den auf dem Großlinienschiff „Prinzregent Luitpold“ stationierten Heizern Albin Köbis und Hans Beckers angehörten. Angeleitet von dieser Organisation, häuften sich bei den Matrosen Fälle von Gehorsamsverweigerung.

Am 1. August unternahmen 49 Matrosen und Heizer des in Wilhelmshaven stationierten Linienschiffs „Prinzregent Luitpold“ einen illegalen Ausflug. Gegen die Verhaftung von elf an der Aktion beteiligten Besatzungsmitgliedern protestierten einen Tag später 400 (einige Quellen nennen die Zahl 600). Sie verweigerten einen in der Freiwache angesetzten Exerzierdienst, verließen das Schiff und zogen zu einem Versammlungslokal. Dort ging es allerdings nicht nur um die miserable Verpflegung an Bord und das Verhalten der Offiziere. „Nieder mit dem Krieg – wir wollen nicht mehr Krieg führen“, verkündete ihr Sprecher Albin Köbis. Nach dem Beispiel der revolutionären russischen Matrosen wurden nach der Aktion auf zwölf Kriegsschiffen rote Fahnen gehisst. Der Versuch, das Schiff und seine Besatzung von anderen zu isolieren, scheiterte. Am 16. August verweigerten 40 Heizer auf dem Schlachtschiff „Westfalen“ die Kohlenübernahme.

Blutige Abrechnung
Schon die ersten Aktionen beunruhigten das Flottenkommando zutiefst. Die Militärbehörden nutzten die Unerfahrenheit vieler Akteure, die Marinejustiz versuchte mit Hilfe von Spitzeln die revolutionären Matrosen zu verunsichern, die revolutionäre Bewegung zu spalten und niederzuschlagen. Im Sommer 1917 gelang das noch einmal. Auch weil es unter den Aufständischen Uneinigkeit über das weitere Vorgehen gab. Viele revolutionäre Matrosen wurden verhaftet. 50 von ihnen erhielten teils lange Zuchthausstrafen. Andere wurden in Strafkompanien gesteckt oder bei sogenannten Himmelfahrtskommandos eingesetzt. Ende August wurden die „Haupträdelsführer“ Sachse, Weber, Reichpietsch, Beckers und Köbis wegen „vollendeten Aufstands“ zum Tode verurteilt. Während Sachse, Weber und Beckers Strafen später in lebenslange Haft umgewandelt wurde, blieb das Todesurteil für Reichpietsch und Köbis bestehen. Max Reichpietsch und Albin Köbis wurden am 5. September 1917 auf dem Schießplatz Wahn bei Köln erschossen. Heute befindet sich dort eine Luftwaffenkaserne.

Die Führer der sogenannten Mehrheitssozialdemokratie distanzierten sich übrigens von dem „landesverräterischen Vorgehen der Matrosen“. Friedrich Ebert drückte gegenüber dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes seine Entrüstung aus. Am 9. Oktober griffen Reichskanzler Georg Michaelis und Staatssekretär Eduard von Capelle im Reichstag die USPD an, drohten indirekt mit einem Verbot der Partei. Statt zu den revolutionären Matrosen zu stehen, kritisierten Hugo Haase, Ewald Vogtherr und Wilhelm Dittmann in der Folge zwar die verhängten Todesurteile scharf. Sie bemühten sich allerdings auch erfolgreich um den Nachweis, dass die USPD-Parteiführung die Grenze der Legalität zu keinem Zeitpunkt überschritten habe.

Die Mehrheit der Mitglieder der USPD sah dagegen im Aufstand der Matrosen ein Fanal. Und vor allem die Spartakusgruppe, die sich der Partei gleichfalls angeschlossen hatte, bekannte sich zur revolutionären Matrosenbewegung. In ihrem Flugblatt „Folgt ihrem Beispiel!“ würdigte sie die Taten der Matrosen. „Freilich: Ihr revolutionärer Wille hat noch nicht zum Ziele geführt. Aber der deutsche Militarismus wurde doch von ihnen in seinem innersten Mark getroffen … Die rebellischen Matrosen von Wilhelmshaven haben ihren Klassengenossen ein Signal und ein Beispiel gegeben.“ (Zitiert nach: Geschichte …, S. 503)

Mehr als ein Jahr später gab es erneut eine Meuterei von Matrosen und Heizern der kaiserlichen Flotte. Doch dieses Mal stand der Aufstand in Kiel am Beginn der Revolution in Deutschland.

aus „unsere zeit“ vom 23. Juni 2017