Vorwärts und nicht Vergessen!

Eine Wortmeldung zur Kulturveranstaltung der DKP-Oldenburg am 24.07.2014

Mit diesen mahnenden Worten aus dem von Berthold Brecht und Hans Eisler verfaßten Arbeitersolidaritätslied aus den Endzeiten der Weimarer Republik (1929/30), lässt sich am eindringlichsten das Resümee über eine bemerkenswerte Veranstaltung in Oldenburg zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs 1914 umschreiben.

Unter dem Titel „100 Jahre im Bann der Gewalt! – Von Sarajewo 1914 ins Donbass 2014“ hatte die DKP-Oldenburg am 24. Juli 2014 in das Litfaß eingeladen. Mit einer Lesung aus Tagebüchern der Weltkriegszeit des Schriftstellers und linken Aktivisten Erich Mühsam galt es, sich dieses für die gesamte Menschheit bedeutsame Ereignis über das bloße Erinnern hinweg zu Vergegenwärtigen. Eingerahmt wurde diese Spurensuche – wie es sinnbildlich im Untertitel zur Veranstaltung hieß, durch zeitübergreifenden Arbeiter-, Revolutions- und Antikriegslieder mit dem Osnabrücker Liedermacher Achim Bigus.

Rund zwanzig anwesende Frauen und Männer waren der Einladung gefolgt und wurden zum Auftakt mit Achim Bigus’ ebenso leidenschaftlich wie nachdenklich vorgetragenen Musikbeiträgen auf das Thema vorbereitet. Dabei kam auch Erich Mühsam erstmals „zu Wort“ als Bigus das von diesem 1907 verfaßte Spottlied über die Sozialdemokratie „Der Revoluzzer“ vortrug. Nach diesem gelungenen Auftakt begann das schwierige Unterfangen eine Spurensuche für „100 Jahre im Bann der Gewalt“ mit den Mühsam-Texten der Weltkriegszeit. Die von den Vortragenden Ulrich H. und Andreas Schlegel ausgewählten Tagebuchaufzeichnungen konzentrierten sich auf zwei Zeitfenster, unmittelbar nach Kriegsausbruch von August bis September 1914 und Mai bis September 1916. Gemessen an der Kürze der Zeiträume und obwohl Erich Mühsam nicht unmittelbar am Kriegsgeschehen teilgenommen hat, ist es dennoch gelungen die vielen Facetten dieses Weltkriegs durch dessen Worte und Kommentare mit einer etwa einstündigen Lesung lebendig werden zu lassen. Das betrifft nicht nur die Euphorie und den Patriotismus zu Beginn oder das ungeheuerliche Gemetzel in den Gräben und Unterständen auf den Schlachtfeldern von Sedan und Verdun 1916, also dem, was in der deutschen Erinnerungskultur unisono gewürdigt wird. Ebenso wurden die Zuhörer mitgenommen auf eine Reise durch internationale und nationale politische Zusammenhänge und die innere Verfasstheit Deutschlands in jenen Tagen. Eindringlich beschreibt Mühsam unter Anderem die zunehmende Verelendung weiter Bevölkerungsteile durch Hunger und Armut, die unverhohlene Kriegspropaganda der Presse nebst ihrer Gleichschaltung und Zensur, das Versagen der Funktionärseliten in SPD und Gewerkschaft die ersichtliche Ausweglosigkeit und Niederlage für revolutionäre Umbrüche zu nutzen und er beklagt schon frühzeitig die vielen auf den Kriegsfeldern umgekommenen Literaten, Musiker, Maler, Wissenschaftler und Studenten als intellektuelles gesellschaftliches Rückgrat.

Genügend Hintergrund also für eine anschließende Diskussion zum Ersten Weltkrieg, aber auch um den Bogen in die Gegenwart zu schlagen, mit den vielen weltweit stattfindenden kriegerischen Auseinandersetzungen, wie sie aktuell in der Ostukraine oder im Israel/Palästina-Konflikt zum Ausdruck kommen. In der lebhaften Debatte gab es zahlreiche Wortmeldungen. Der Erste Weltkrieg wurde kritisch in seiner Erinnerung beleuchtet und zahlreich wurden die Spuren der von Nationalismus und Kapitalismus geprägten imperialistischen Politik der damaligen Großmächte bis in die Gegenwart aufgezeigt und verfolgt. Die offensichtlichen Kontinuitäten dieser Politik über zwei Weltkriege und einen „Kalten Krieg“ hinaus, war daher auch das einmütige Resultat der Debatte. Eine damit verbundene Hoffnungslosigkeit, die einer der Anwesenden zum Ausdruck brachte ist zwar verständlich, wurde aber umgehend von Achim Bigus durch sein musikalisches Abschlussprogramm beseitigt und aus dem Saal gefegt – spätestens mit dem Lied der Revolutionäre zum Sturz der Faschisten in Portugal und der um zwei Strophen erweiterten „Internationale“ am der Ende Veranstaltung.

„Vorwärts und nicht Vergessen“ muss es daher heute mehr denn je heißen für alle, die sich aktiv für ein Ende der Barbarei einsetzen und für Frieden, Freiheit und Solidarität der Menschen und Völker dieser Welt kämpfen. Denn: „Wenn die Menschheit eine erkennbare Zukunft haben soll, dann kann sie nicht darin bestehen, dass wir die Vergangenheit oder Gegenwart einfach fortschreiben. Wenn wir versuchen, das dritte Jahrtausend auf dieser Grundlage aufzubauen, werden wir scheitern. Und der Preis für dieses Scheitern, die Alternative zu einer umgewandelten Gesellschaft, ist Finsternis“ (aus: Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme – Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Deutscher Taschenbuch Verlag München 2009, S. 720).